PM: Die Camps in Griechenland sind die europäische Lösung

Nachdem Heimatminister Horst Seehofer vor einer Weile die Zustimmung zum von Berlin geplanten Landesaufnahmeprogramm verweigert hat, hat er nun auch die entsprechenden Pläne Thüringens gestoppt.

Nach langem politischem Kampf hatte die Thüringer Regierung beschlossen bis 2022 500 Personen aus den Camps auf den griechischen Inseln aufzunehmen. Es sollten besonders schutzbedürftige Menschen aufgenommen werden. Das wäre zwar schon ein Anfang gewesen, aber immer noch absolut nicht zufriedenstellend (obwohl natürlich der Einzelfall zählt). Außerdem ist immer fraglich, wer eigentlich mit „besonders schutzbedürftig“ gemeint sein soll. Normalerweise soll das heißen, wir wollen Frauen und kleine Kinder (aber wehe, sie sehen nicht klein und süß aus). Warum junge Männer, die vor Krieg und bewaffneten Konflikten geflohen sind, nicht schutzbedürftig sein sollen, lässt sich nicht wirklich erschließen (Wo sind die Männerrechtsaktivisten, wenn man sie braucht?).

Nach § 23 Abs. 1 AufenthG (Aufenthaltsgesetz) können die obersten Landesbehörden entscheiden, bestimmten Ausländer_innen aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis zu erteilen. Seehofer hat seine dafür erforderliche Zustimmung nicht erteilt. Ob er diese verweigern durfte, muss nun geprüft werden. Er möchte die „Bundeseinheitlichkeit“ wahren, wie es im § 23 Abs. 1 AufenthG auch vorgesehen ist. Außerdem hat er wiederum von dieser schon vielfach beschwörten „europäischen Lösung“ gesprochen. Sowohl die angeblich nicht gewahrte Bundeseinheitlichkeit als auch die europäische Einheit sind vorgeschobene Pseudo-Argumente. Eigentlich sogar verwunderlich, dass ein Mann, der die „Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ bis zur letzten Patrone (!) verteidigt haben will und sich darüber freut, wenn an seinem 69. Geburtstag 69 Personen nach Afghanistan abgeschoben werden, sich jetzt nicht wieder einfach hinstellt und offen und ehrlich sagt, dass er keine weiteren Flüchtlinge nach Deutschland kommen lassen will und dass sie lieber in den Camps in Griechenland verkommen sollen.

Warum ergibt das Argument der Bundeseinheitlichkeit keinen Sinn?

Zum einen hätte man auch einfach sagen können, dass, um die Bundeseinheitlichkeit zu wahren, alle Bundesländer ermutigt werden sollten, Personen aus den Camps aufzunehmen. Wie von der Seebrücke und durch die Kampagne „Wir haben Platz“ deutlich gemacht, gibt es in Deutschland tausende freie Betten (in Thüringen allein gibt es 8.000 freie Unterbringungsplätze) und insbesondere Kommunen, die sich zu Sicheren Häfen und damit ihre Aufnahmebereitschaft erklärt haben. Stattdessen ignoriert Seehofer die Länder und Kommunen.

Zum zweiten gibt es schon Landesaufnahmeprogramme, die nur (noch) von einzelnen Ländern durchgeführt werden. So können z.B. in Thüringen, Schleswig-Holstein und Brandenburg Syrer_innen die Aufnahme von Familienmitgliedern beantragen, die sie über den regulären Familiennachzug nicht oder nur schwer nachholen können (z.B. volljährige Kinder oder Großeltern). Das liegt daran, dass die meisten Bundesländer ihre Aufnahmeprogramme, die es ursprünglich überall gab außer in Bayern, nicht verlängert haben.

Außerdem wurde der § 23 Abs. 1 AufenthG ja gerade dafür geschaffen, dass die Länder eigenständig Aufenthaltserlaubnisse ausstellen können. Der Kritikpunkt, dass die Verfahren sich von denen des Bundes unterscheiden könnten, verkennt demnach die Idee dieses Paragraphen.

Nach dem Bundesaufnahmeprogramm, auf das Seehofer als Rechtfertigung verweist, will Deutschland 350 minderjährige Kinder aufnehmen.

Warum ist das vermeintliche Abwarten einer europäischen Lösung nur vorgeschoben?

Es gibt wenige Themen, über die sich die EU-Staaten so uneinig sind wie über Migration. Wenn Seehofer also warten möchte bis darüber Einigkeit herrscht, meint er eigentlich, dass er die aktuelle Situation eigentlich gar nicht so schlimm findet (was keine große Überraschung ist) und am liebsten noch einige Jahre vergehen lassen möchte, bis sich womöglich irgendetwas tut. Was allerdings noch viel wichtiger ist: Es gibt schon eine europäische Lösung.

Die Camps auf den Inseln existieren nicht (nur) wegen Versagens des griechischen Staates, sondern wegen des von der EU-Kommission erdachten EU-Türkei-Deals. Die Camps, wie sie jetzt sind, sind das Ergebnis einer gesamteuropäischen „Lösung“, von der andauernd behauptet wird, es gäbe sie nicht. Diese Lösung sieht vor, dass eigentlich alle Menschen, die auf den Inseln ankommen, zurück in die Türkei geschickt werden sollen, weil es da angeblich so sicher ist. Dabei ist es ein ziemlich offensichtlicher Widerspruch, die Türkei einerseits auf keinen Fall in die EU aufnehmen zu wollen wegen Menschenrechtsverletzungen etc., andererseits das Land als sicher genug für Geflüchtete zu erklären.

In der Realität wurden seit 2016 nur etwas über 2000 Personen in die Türkei zurückgeschickt, weil trotz der Einordnung als „sicherer Drittstaat“ das Non-Refoulement-Gebot beachtet werden muss und sich merkwürdigerweise bei den allermeisten Menschen in einer individuellen Prüfung herausgestellt hat, dass es in der Türkei doch gar nicht so sicher für sie ist. Kaum jemand darf also tatsächlich in die Türkei abgeschoben werden, die Verfahren auf den Inseln dauern meist viel länger als höchstens 6 Monate, wie eigentlich vorgesehen, und trotzdem müssen die meisten Asylbewerber_innen während des gesamten Verfahrens auf den Inseln ausharren. Der finanziell schlecht dastehende Staat Griechenland schafft es dabei nicht, die Menschen anständig zu versorgen. Spätestens seit der Wahl der neuen rechtskonservativen Regierung im Jahr 2019 fehlt zudem der politische Wille.

Es sollte also nicht davon gesprochen werden, dass nordeuropäische Staaten aus reiner Wohltätigkeit Griechenland oder den „armen Menschen auf den Inseln“ nur ein bisschen helfen müssen und dann wäre alles gut. Die Camps auf den Inseln sind zum einen gerade dafür geschaffen worden abzuschrecken und den Personen aufzuzeigen, dass ihre Menschlichkeit hier nichts wert ist.

Zum anderen können die meisten Personen seit der Einführung von „carrier sanctions“ nur noch auf dem Land- bzw. Seeweg nach Europa kommen und landen zwingenderweise überwiegend in Italien, Spanien oder Griechenland. Das Dublin-System ist so aufgebaut, dass quasi niemand in die nord- und westeuropäischen Staaten kommen darf, die meisten dort gestellten Asylanträge zunächst wegen Unzulässigkeit abgelehnt werden und die Betroffenen dem Risiko ausgesetzt sind, nach Italien, Spanien oder Griechenland abgeschoben zu werden.

Unglücklicherweise herrscht selbst unter Personen, die für legale und sichere Fluchtrouten propagieren, häufig das Missverständnis, es gäbe im Dublin-System europäische Verteilungsschlüssel. Oft wird davon geredet, es müssten mehr Personen als durch die Quote vorgesehen aufgenommen werden. Dabei ist sehr wichtig zu wissen, dass es eine solche obligatorische Quote nicht gibt. Es gibt in der Dublin-III-Verordnung keinen Verteilungsschlüssel, nach dem Personen, die in südeuropäischen Staaten ankommen, in den Norden verteilt werden. Nicht falsch verstehen: Wir wollen keinen Verteilungsschlüssel, sondern Bewegungsfreiheit für alle.

Übrigens: Viele der Personen, die sich nun in Griechenland in den Camps befinden, haben Familienmitglieder in europäischen Ländern, zu denen der reguläre Familiennachzug verweigert wurde. Wenn Seehofer tatsächlich so an einer regulären Einreise interessiert ist, warum setzt Deutschland dem so hohe Hürden, die es den Menschen vielfach unmöglich macht, ihrer Familie mit einem Visum nachzureisen?

Es ist allerdings nicht ausreichend, allein Seehofer als den Unmenschen zu bezeichnen, der er ist. Auch die Aufnahme von 300 Personen durch Berlin und von 500 Personen durch Thüringen wäre zwar für die betroffenen Menschen womöglich eine große Erleichterung gewesen, hätte aber an dem grundsätzlich problematischen Dublin-System nichts geändert. Allein, dass es Ewigkeiten gedauert hat, sich in einem rot-rot-grün regierten Land auf die Aufnahme von 500 Menschen bis 2022 (also weniger als 200 pro Jahr) zu einigen, ist sehr traurig.

Seit einer Weile werden auf den Inseln geschlossene Camps gebaut. Kürzlich hat die Europäische Kommission dafür 130 Millionen Euro bewilligt. Diese Camps werden die Bewohner_innen nicht verlassen dürfen. Während es z.B. für die Camp-Bewohner_innen auf Samos momentan noch möglich ist, in der Stadt einzukaufen, an den Strand zu gehen und sich zumindest auf der Insel frei zu bewegen, geht das bald nicht mehr. Die Menschen sollen zukünftig in einem abgeschiedenen geschlossenen Camp untergebracht werden. Unter anderem deshalb ist es falsch, davon zu reden, die EU würde „ihre Augen verschließen“ oder von der Situation hier einfach nicht genug mitbekommen.
Die EU verschließt nicht die Augen, sondern hat aktiv beschlossen, dass die Personen, die auf den griechischen Inseln ankommen, am liebsten in die Türkei zurückgebracht werden oder mindestens in geschlossenen Camps ihre Lebenszeit absitzen sollen.

Auch wenn es ein Skandal ist, dass Seehofer die Landesaufnahmeprogramme stoppt bzw. versucht zu stoppen, bringt es nichts, wieder einmal eine einzelne Person in den Fokus aller Kritik zu stellen, dessen politische Einstellung bereits bekannt ist und dessen Entscheidung daher nicht überrascht.

Vielmehr muss die Europäische Union in den Fokus der Kritik geraten, welche durch ihre Politik für die Entstehung solcher menschenunwürdigen Umstände an den Außengrenzen, von denen die griechischen Lager nur ein Aspekt sind, verantwortlich ist.
Es müssen daher nicht nur die Landesaufnahmeprogramme durchgesetzt werden, sondern gleichzeitig die Lager aufgelöst und bedingungslose Bewegungsfreiheit für ALLE geschaffen werden.

Ausbildung startet digital am 15. April 2020

Liebe Interessierte am Ausbilungsprogramm,

entgegen unserer letzten Ankündigung möchten wir Euch mitteilen, dass wir unser Ausbildungsprogramm 2020 nun doch wie ursprünglich geplant am Mittwoch, den 15.04.2020 beginnen werden. Aufgrund der aktuellen Situation werden wir das Ausbildungsprogramm als Online-Format durchführen. Das heißt, unser Ausbildungsprogramm wird inhaltlich genauso ablaufen wie geplant – nur eben digital anstelle von analog.

Wir halten es in der momentanen Zeit für die realistischste und langfristig angemessenste Lösung. Falls es zu gegebener Zeit möglich sein sollte, möchten wir jedoch wieder Präsenzveranstaltungen durchführen. Außerdem glauben wir, dass es gerade momentan wichtig ist, weiterhin Menschen zu Berater*innen im Asyl- und Aufenthaltsrecht auszubilden. Denn auch wenn wir genausowenig absehen können, wie die Zukunft mit und nach Corona aussehen wird: ganz sicher ist, dass Menschen weiterhin mit ungesicherten Aufenthaltstiteln, Behördenstruggle usw. konfrontiert sein werden.

Wir hoffen, dass ihr weiterhin interessiert am Ausbildungszyklus 2020 seid. Falls ihr teilnehmen wollt, schreibt uns bis Dienstag, den 07.04.2020 eine kurze Mail. Wir senden euch anschließend den Zugang zum entsprechenden Online-Format. Falls ihr Schwierigkeiten haben solltet, an einer oder mehreren Veranstaltungen teilzunehmen, aber generell gerne teilnehmen wollt, kontaktiert uns gerne.

Wir freuen uns auf euch!

Corona-News 21.3.2020

Einrichtung einer telefonischen Sprechstunde

Liebe Ratsuchende,

aufgrund der aktuellen Lage mit COVID-19 können wir unsere Sprechstunde leider nicht so wie gewohnt fortführen. Uns ist es allerdings wichtig, auch in diesen Zeiten eine asyl- und aufenthaltsrechtliche Beratung anzubieten. Daher haben wir uns entschlossen, eine telefonische Sprechstunde einzurichten. Diese wird dienstags zwischen 16 – 17Uhr stattfinden. In dieser Zeit könnt ihr uns anrufen und wir vereinbaren einen anschließenden Telefontermin mit euch. Ihr erreicht uns unter der Nummer + 49 15 73 45 26 618.

Die Refugee Law Clinic Jena e.V.

أعزائنا الباحثين عن نصائح،

للأسف بسبب الوضع الحالي لفايروس كورونا لا يمكننا متابعة ساعة الاستشارة لدينا كلمعتاد. مع ذلك حتى في هذه الأوقات، من المهم لنا تقديم الاستشارة بشأن قانون اللجوء والإقامة. لذلك قررنا حاليا إجراء الاستشارة هاتفياً. سيكون ذلك كل يوم ثلاثاء من الساعة 4 عصراً حتى 5 مساءً. خلال هذا الوقت يمكنكم الاتصال بنا وسوف نقوم بترتيب موعد تلفوني معكم للحديث المفصل عن موضوعكم.

يمكنك التواصل معنا على الرقم: 004915734526618

Refugee Law Clinic Jena e.V

Verschiebung des Ausbildungsprogramms

Liebe Interessierte am Ausbildungsprogramm 2020,

auch bei uns wirft die aktuelle Situation natürlich die Planungen durcheinander. Dementsprechend werden wir unser Ausbildungsprogramm NICHT wie geplant am 15.04. beginnen. Zunächst werden wir uns erstmal an den Uni-Zeiten orientieren (nach aktuellem Stand 04.05.) und das Ausbildungsprogramm (vorläufig) daran anpassen. Wir bleiben aber aufmerksam für die aktuellsten gesundheitspolitischen Entwicklungen und möchten natürlich unter allen Umständen verhindern, Menschen zu gefährden.

Insofern es auch im Mai noch keine Möglichkeit gibt, das Ausbildungsprogramm als Präsenzveranstaltungen durchzuführen, werden wir uns durchführbare Alternativen überlegen. Alle weiteren Informationen werden wir auf unserer Facebookseite und der Homepage veröffentlichen.

Bleibt gesund und solidarisch!

We’ll Come United – 24.08.’19 in Dresden

Wir schließen uns auch in diesem Jahr dem Aufruf von Aufruf von We’ll Come United an. Wir rufen auf

– zu einem gemeinsamen, bundesweiten Block auf der Unteilbar-Demonstration am 24.8. in Dresden! Solidarität verteidigen – United Against Racism & Fascism!

– zu einem Tribunal vom 1.-3. November in Chemnitz, auf dem wir die Perspektive der Opfer des NSU und die Stimmen der migrantischen Kämpfe gegen die der Täter stellen. Wir klagen an!

Den Aufruf in voller Länger hier: https://www.fluechtlingsrat-thr.de/aktuelles/news/aufruf-solidarit%C3%A4t-verteidigen-%E2%80%93-united-against-racism-and-fascism

Ausschreibung: Studentische/-r oder Wissenschaftliche/-r Assistent/-in

Wir freuen uns über Verstärkung. Komm zu unseren Orga-Treffen oder bewirb Dich bis zum 31.07. auf unsere erste Stellenausschreibung.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann senden Sie bitte eine aussagekräftige Bewerbung (ohne Foto) inklusive tabellarischem Lebenslauf und Motivationsschreiben unter Angabe der Reg.-Nr. 220/2019 bis zum 31. Juli 2019 an

susanne.prater@uni-jena.de
oder

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Rechtswissenschaftliche Fakultät
Professur für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht
Carl-Zeiss-Straße 3
07743 Jena

Wir bitten darum, Ihre Unterlagen nur als Kopien einzureichen, da diese nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens ordnungsgemäß vernichtet werden. Bitte beachten Sie auch unsere Bewerberhinweise unter: www.uni-jena.de/stellenmarkt_hinweis.html

Beratung in Erfurt

Die Refugee Law Clinic in Erfurt hat eine neue Sprechstunde, die allen Ratsuchenden für asyl- und aufenthaltsrechtliche Probleme offensteht. Siehe auch https://rlc-jena.de/sprechstunden/.

Sprechstunden in Erfurt:

Jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat von 16 – 18 Uhr bietet die Refugee Law Clinic Erfurt im Redroxx Offenes Jugendbüro, Pilse 29, Beratungen von 16-18 Uhr an. Kontakt: rlc-erfurt [at] riseup.ne